
Als die Tür aufgeht, rauscht es in meinen Ohren vor Herzklopfen. Ich bin die nächste. Ganz vorne in der Reihe stehe ich und warte. Schon lange. Ohne Tageslicht habe ich das Zeitgefühl verloren, aber ich habe lange gewartet. Aufgeregt, denn ich würde die nächste sein.
Zu zweit kommen sie, haken mich unter und nehmen mich mit einen Flur entlang und dann: Tageslicht. Eher noch Dämmerung, aber hinter den großen Glasfenstern leuchtet es bläulich. Je näher ich ans Fenster komme, umso mehr Details sehe ich: über den grau verhangenen Himmel eilen Wolkenfetzen. In den Häusern gegenüber sind einige Fenster hell erleuchtet, andere starren dunklen Blicks auf die glänzenden Straßen. Es muss in der Nacht geregnet haben. Woher ich weiß, dass es die Morgendämmerung ist? Sie kommen immer am frühen Morgen und holen uns dann ab. Nie am Nachmittag, da wären noch zu viele Menschen auf der Straße, die sehen könnten, was passiert.
Ein jäher Schmerz am Arm reißt mich aus meinen Gedanken. Doch bevor ich hinsehen kann, wird mir etwas über den Kopf gestülpt, sodass ich nichts mehr sehen kann. Sie zerren an mir, und ich helfe so gut es geht mit, meinen Kopf durch die Öffnung zu zwängen. Ah – ein Pullover. Fühlt sich weich an, flauschig. Was ist mit einer Hose? Aber ich bekomme keine neue, die Jeans, die ich trage, klopfen sie einmal ab, als läge Staub darauf. Dabei achte ich sehr auf meine Kleidung und versuche, sie sauber zu halten.
Kritisch beäugen sie mich und schütteln den Kopf. Ich sehe an mir herunter. Oh nein, der Pullover ist zwar flauschig und weich, aber die Farben: grau, lila, beige. Trister geht es kaum. Kein bisschen schön. Keine leuchtenden Farben, kein Glitzer, einfach nur trist. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, kommt eine der Frauen mit silbernen Halsketten zurück und hängt sie mir um. Ob das irgendwas verbessert? Noch bevor ich das prüfen kann, werde ich wieder untergehakt, und sie stellen mich ganz nah ans Fenster. Jetzt kann ich die ganze Straße sehen: Die Trottoirs glänzen vom nächtlichen Regen, die Müllsäcke liegen noch am Straßenrand, Tische und Stühle des Bistrots gegenüber sind noch aufgestapelt. Vereinzelt eilen Menschen durch die Straße, den Mantelkragen hochgezogen, den Kopf eingezogen. Wie Schildkröten, denke ich.
Dort eine Mutter, die ein Kind an der Hand hinter sich herzieht. Mit der anderen Hand kämpft sie mit einem Regenschirm, der sich im Wind umstülpt und sich seiner Aufgabe vehement widersetzt. Schließlich gibt sie auf und faltet ihn zusammen. Gerade haben sie sowieso den Eingang zur Metro erreicht.
Ah, das dort muss ein wichtiger Mann sein. Er steigt gerade aus einer Limousine aus, ein Chauffeur hält ihm die Autotür auf. Er hat Blumen dabei. Ist er dienstlich unterwegs? Mit Blumen so früh am Morgen? Kommt er nach Hause zu seiner Frau? Blumen sind oft ein Zeichen von schlechtem Gewissen, erinnere ich mich. Oder besucht er eine andere Frau? Warum die Blumen?
Während ich grüble, hält ein Müllauto am Straßenrand. Emsig sammeln zwei junge Männer die herumliegenden Säcke ein. Sie unterhalten sich angeregt. Einer hat wohl einen Scherz gemacht, denn der andere muss lachen. Sie verhalten sich, also wären sie ganz woanders. An einem schönen Ort in ihrer Freizeit. Und: Sie würdigen mich kaum eines Blickes. Überhaupt hat mich noch niemand angesehen- wirklich angesehen.
Auch später, als es längst richtig hell ist, ändert sich daran wenig. Die Passanten auf der Straße werden zwar langsamer, sie eilen nicht mehr, sie schlendern. Den Blick nicht mehr auf den Boden oder ihr Ziel gerichtet, schweift ihr Blick nun von Fenster zu Fenster. Mal bleiben sie stehen, um genauer hinzusehen.
Gegenüber sitzen die ersten Gäste im Bistrot mit einer Schale Milchkaffe und einem Croissant und schauen durch die beschlagenen Fenster auf die Straße.
Ah, da kommen zwei Damen. Sie waren bereits erfolgreich, denn sie tragen große Papiertaschen bei sich. Ein Name ist darauf gedruckt. Den kenne ich. Teuer. Sie bleiben vor meinem Fenster stehen. Eine zeigt mit ihrem Finger auf meine Nachbarin. Die Frauen vor dem Fenster unterhalten sich angeregt, dann gehen sie einen Schritt weiter und betrachten mich. Endlich. Ich versuche, so schön wie möglich auszusehen. Aber es erscheint kein Lächeln auf ihrem Gesicht. Eine schüttelt sogar den Kopf, sie drehen sich um und gehen weiter. Ich bin am Boden zerstört. So lange habe ich auf meine Zeit im Schaufenster gewartet und jetzt sowas: Der Pullover, den ich trage, sieht aus wie ein räudiges Fell. Kein Wunder, dass ich keine bewundernden Blicke auf mich ziehe. So eine Schmach. Zum ersten Mal bin ich dankbar, kein Mensch zu sein. Mein Gesicht zeigt keine Regung, zum Glück können mir keine Tränen die Backen hinunterlaufen. Scheinbar gleichmütig blicke ich in den nassen Januartag hinaus.
Ah, da kommt eine Frau im blauen Trenchcoat. Sie hat ein rotes, gepunktetes Tuch um den Hals gebunden, ihre langen Haare wehen im Wind. Sie bleibt vor dem Schaufenster stehen. Vor mir. Und dann zückt sie ihr Handy, und es kommt noch besser: Sie telefoniert nicht, sondern macht ein Foto. Vor mir. Ob ich ihr wohl gefalle? Ich versuche, so gerade wie möglich zu stehen. Sie macht noch ein Foto aus einem anderen Winkel. Mein Herz klopft wie verrückt. Sie geht ein paar Schritte weiter, hält inne und kommt noch einmal zurück. Schaut mir ernst und aufmerksam ins Gesicht. Halt. Stopp, möchte ich ihr zurufen. Der Pulli. Es geht um den Pulli. Aber ich kann nicht, außerdem schmeichelt es mir, dass sie mich ansieht. Ob sie den Laden gleich betreten wird? Zu mir kommen wird? Doch nein, sie geht weiter, der Wind weht ein Stück Papier hinter ihr her.
Es dämmert bereits wieder, als etwas noch nie Dagewesenes passiert. Ich werde untergehakt, durch den ganzen Laden getragen, den Flur entlang und in den fensterlosen Raum getragen. Ich bin verwirrt. Was soll das? Einfach so werde ich abgestellt. Im Aufbewahrungskämmerlein. Und dann warte ich. Bin gespannt, wann ich wieder ans Tageslicht und ins Schaufenster darf und hoffe nächstes Mal auf schöne Kleider…