Musik verstehen – a closer look at W. A. Mozart: Requiem

KV 626, ergänzt und herausgegeben von Robert D. Levin. Der Kommentar bezieht sich auf die Partitur Carus 51.626/57

Leseprobe:

1.    Introitus

Ungewissheit, tastendes Herumsuchen, Unsicherheit. So beginnt die Totenmesse von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein dünner, leiser Streichersatz in Achteln, die durch Pausen voneinander getrennt isoliert dastehen wie ein klopfendes Herz. Die tiefen Stimmen (Violoncello, Kontrabass und Orgel [tasto solo, d.h. es werden nur die Basstöne gespielt und auf die Ergänzung zu vollständigen Akkorden mit der rechten Hand wird verzichtet]) wechseln sich mit den höheren ab. Verstärkt wird die Unsicherheit dadurch, dass, selbst wenn man alle Stimmen zusammennimmt, selten vollständige Akkorde entstehen, manchmal fehlt sogar der Grundton. Vollständigen Akkorden nimmt Mozart ihre Stabilität dadurch, dass er sie als Akkordumkehrung einsetzt.

Über diese unsicher umherirrenden Akkorde setzen die tiefen Holzbläser nacheinander mit einer klagenden Melodie ein. Sie beginnt mit einem musikalischen Seufzer, einer fallenden Sekunde, jeweils auf die Zählzeit zwei im Takt und steigt dann langsam schrittweise zum Terzton über dem Ausgangston an. Dabei beginnt das Fagott im ersten Takt auf dem Ton d, einen Takt später folgt das Bassetthorn II auf a, wieder eine Quinte höher setzt das Bassetthorn II ein, durchbricht dabei aber kurzzeitig den Einsatzpunkt auf Zählzeit zwei und beginnt auf Zählzeit vier, nimmt also die ZZ Eins des Folgetaktes vorweg. Ein letzter Einsatz nach bekanntem Schema erfolgt durch Fagott II in T. 4,

dann spinnt sich das Gespräch der vier Holzbläser fort und kadenziert in T. 7 nach a-Moll.

Mitten in dieses leise, klagende Herumirren platzen nun die drei Posaunen mit ihren drei (Mozart war Freimaurer!) lauten Signalakkorden und künden den Beginn des Jüngsten Gerichts an.

Ähnlich wie vorher die Holzbläser setzen nun die Chorstimmen hintereinander, mit dem Bass beginnend, jeweils eine Quinte höher um eine halbe Note zeitlich versetzt imitatorisch ein und übernehmen dabei das Seufzermotiv ihrer Vorgänger. Allerdings setzen sie laut ein und bringen mit Nachdruck ihre Bitte zum Ausdruck: „Gib ihnen ewige Ruhe“.

Mit dem Einsetzen der Chorstimmen ändert sich der Orchestersatz: Nur Violoncelli und Kontrabass behalten ihre tastenden Achtel bei, die Orgel gibt der musikalischen Basis durch Viertel eine festere Basis. Die Chorstimmen werden von den Holzbläsern und Posaunen unisono begleitet, während die Violinen zu einer größeren musikalischen Geste übergehen: unisono spielen sie fallende Oktaven, die quasi synkopisch immer kurz nach der Zählzeit einsetzen und wie ein musikalisches Niederwerfen klingen.